Aleksandr Vat von Ethplorer: Die Altseason auf Ethereum fand bereits statt

Aleksandr Vat von Ethplorer erläutert, dass die Altseason auf Ethereum bereits stattgefunden hat, wobei der Fokus auf Smart Contracts und Token liegt. Eine neue Aggregierte Ethereum Rich List zeigt, dass 66% des Vermögens der Top-Halter in Token und Stablecoins investiert sind, was herkömmliche R…

Aleksandr Vat von Ethplorer: Die Altseason auf Ethereum fand bereits statt

Aleksandr Vat von Ethplorer: Die Altseason auf Ethereum hat bereits stattgefunden

Die Analyse der Ethereum-Rich-Lists, die auf den Beständen an ETH basieren, erfasst lediglich einen kleinen Teil des Gesamtvermögens, da 66 % des Kapitals der führenden Halter mittlerweile in Token und Stablecoins investiert sind.

Die Auswertung der Aggregierten Ethereum Rich List von Ethplorer zeigt, dass sich die Marktstärke zunehmend auf Smart Contracts, Börsen, Bridges und Liquiditätszentren konzentriert.

Der Printing-Press-Index (PPI) bietet Analysten Einblicke in die Abhängigkeit des Wertes eines Projekts von seinem eigenen Token und deckt versteckte Risiken in der Bilanz auf.

Im Rahmen der Paris Blockchain Week führte BeInCrypto ein exklusives Interview mit Aleksandr Vat, dem Leiter der Geschäftsentwicklung bei Ethplorer.io, um über die neu entwickelte Aggregierte Ethereum Rich List des Unternehmens zu sprechen.

Ethplorer ist der Ansicht, dass die bisherigen Ethereum Rich Lists zunehmend irreführend sind, da sie Wallets ausschließlich nach ETH-Beständen bewerten. Die neue Rangliste hingegen berücksichtigt den gesamten USD-Wert jeder Adresse, einschließlich ETH, ERC-20-Token und Stablecoins.

Nach Vats Einschätzung ergibt sich aus dieser Betrachtung ein verändertes Bild hinsichtlich des Ethereum-Vermögens, der Liquidität und der Risiken. Dies führt zu einer der provokanteren Schlussfolgerungen von Ethplorer: Die Altseason könnte bereits stattgefunden haben, jedoch auf Bilanzen und nicht in den Kursen.

Die Veränderungen in der Ethereum Rich List

BeInCrypto: Sie haben auf der Konferenz mit der Community über das neue Ethereum-Ranking gesprochen. Was ist die Aggregierte Ethereum Rich List und warum wurde sie von Ethplorer erstellt?

Aleksandr Vat: Ethplorer hat die Rich List von Ethereum neu strukturiert, indem Adressen nicht nur nach ETH, sondern nach dem gesamten USD-Wert sortiert werden. Dies umfasst ETH, ERC-20-Token und Stablecoins.

Die Aggregierte Rangliste der Ethereum-Adressen basiert auf totalBalanceUsd, im Gegensatz zu herkömmlichen Listen, die nach ethBalanceUsd sortieren. Das Ziel war klar: Rankings, die nur ETH berücksichtigen, spiegeln nicht mehr die tatsächliche wirtschaftliche Macht auf Ethereum wider.

BeInCrypto: Was war grundsätzlich falsch an den herkömmlichen, nur auf ETH basierenden Rankings?

Aleksandr Vat: Rankings, die ausschließlich ETH einbeziehen, lassen den Großteil des Kapitals unberücksichtigt. Aktuell sind etwa 66 % des Wertes außerhalb von ETH, insbesondere in Token und Stablecoins. Das bedeutet, dass Listen mit reinem ETH-Bezug ein verzerrtes Bild davon vermitteln, wer tatsächlich Liquidität und Risiko kontrolliert.

BeInCrypto: Was war die wichtigste Erkenntnis, als Sie das Ranking erstmals neu aufgebaut haben?

Aleksandr Vat: Die größte Veränderung war die Verschiebung der gesamten Hierarchie. Dieselben 10.000 Top-Adressen halten fast dreimal so viel Kapital, wenn man Token berücksichtigt. Viele Akteure, die zuvor kaum sichtbar waren, sind plötzlich dominant geworden.

Dominanz von Einheiten auf Ethereum

BeInCrypto: Vitalik Buterin hat Ethereum als eine Plattform beschrieben, auf der Code Vermögen verwaltet. Ist diese Vision Realität geworden?

Aleksandr Vat: Heute dominieren zunehmend Systeme und nicht mehr Einzelpersonen. Smart Contracts, Börsen und Liquiditätszentren kontrollieren einen erheblichen Teil des Kapitals. Ethereum ist weniger auf große Einzelpersonen fokussiert, sondern stärker auf Einheiten wie Protokolle und Pools.

Wichtig ist, dass wir diese Veränderungen nun messen können. In ETH-basierten Rankings blieb diese Entwicklung weitgehend unsichtbar. Betrachtet man jedoch aggregierte Bilanzen, wird deutlich, dass ein erheblicher Teil des Kapitals bereits von Smart Contracts, DeFi-Protokollen, Brücken und Liquiditätspools verwaltet wird. Aktuell werden etwa 28 % des gesamten Kapitals von solchen Systemen kontrolliert.

Diese Entwicklung ist also nicht nur eine Vision, sondern hat sich zu einer erkennbaren strukturellen Realität gewandelt.

„Altseason hat bereits stattgefunden“

BeInCrypto: Sie behaupten: „Altseason hat bereits stattgefunden.“ Was meinen Sie damit?

Aleksandr Vat: Altseason ist nicht verschwunden. Sie hat sich von den Kursen in die Bilanzen verlagert.

Zwischen 2017 und 2021 stellte ETH den Großteil des wirtschaftlichen Wertes auf Ethereum dar, während Token und Stablecoins eine untergeordnete Rolle spielten.

Diese Struktur hat sich seitdem gewandelt. Ab 2022 und 2023 haben die auf Token lautenden Bilanzen wirtschaftlich das Niveau von ETH erreicht.

Im Aggregierten Ethereum-Ranking 2026 dominiert ETH nicht mehr die Portfolios. Die obersten 10.000 Adressen hielten zum Ende März 2026 einen Gesamtwert von etwa 342 Milliarden USD. Davon entfielen 116,5 Milliarden USD auf ETH, was ungefähr 34 % entspricht, während die restlichen 66 % in Token investiert waren.

BeInCrypto: Warum hat der Markt das übersehen?

Aleksandr Vat: Weil die Menschen sich auf die Kurse konzentrieren und nicht auf die Zusammensetzung der Bilanzen. Während die Charts stabil blieben, wurde Kapital unbemerkt auf Token, Stablecoins und Smart Contracts verteilt.

BeInCrypto: Stehen wir nun vor einem anderen Marktzyklus?

Aleksandr Vat: Ja. Der Markt wechselt von der Preisfindung zur Machtfindung. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr nur „Wie hoch ist der Kurs?“, sondern „Wer kontrolliert Liquidität und Risiko?“

Relevanz für Investoren und Analysten

BeInCrypto: Was bedeutet das konkret für Investoren?

Aleksandr Vat: Es verändert die Risikobewertung. Investoren sollten nicht nur auf Kurse oder Marktkapitalisierung achten, sondern auch analysieren, woraus ein Bestand besteht. Handelt es sich um externes Kapital oder um selbst ausgegebene Token?

BeInCrypto: Wie sollten Analysten ihre Arbeit mit diesen Daten überdenken?

Aleksandr Vat: Analysten müssen von Narrativen zu Analysen der Zusammensetzung übergehen. Es ist wichtig, aggregierte Bestände, Kapitalquellen und Abhängigkeiten zu untersuchen, anstatt sich ausschließlich auf TVL oder den Kurs einzelner Token zu konzentrieren.

BeInCrypto: Verändert dies die Interpretation von TVL und Marktkapitalisierung?

Aleksandr Vat: Ja. Beide Kennzahlen können durch selbst ausgegebene Token verzerrt sein. Ohne ein Verständnis der Bilanzzusammensetzung besteht die Gefahr, die tatsächliche ökonomische Stärke zu überschätzen.

Der Printing-Press Index

BeInCrypto: Was ist der Printing-Press Index und warum haben Sie ihn eingeführt?

Aleksandr Vat: Der Printing-Press Index, oder PPI, misst, wie viel von einem Portfolio aus dem eigenen Token eines Projekts besteht. Er hilft, echtes Kapital von intern geschaffenen Werten zu unterscheiden.

Die Formel ist einfach: Der PPI entspricht dem USD-Wert der eigenen Token eines Projekts geteilt durch den gesamten USD-Wert der vom Projekt gehaltenen Token. Anders ausgedrückt, zeigt der PPI den Anteil des eigenen Tokens eines Projekts im Portfolio an.

BeInCrypto: Was hat der PPI über DeFi, zentrale Börsen, Bridges und Layer-2-Blockchains gezeigt?

Aleksandr Vat: DeFi ist deutlich stärker auf selbst ausgegebene Token angewiesen als zentrale Akteure. Im Durchschnitt liegt der Wert bei etwa 14,7 % im Vergleich zu 6,9 % bei zentralen Börsen.

Bridges und Layer-2-Blockchains zeigen sogar einen noch höheren PPI von etwa 34,8 %. Dies ist teilweise strukturell bedingt, da diese oft native Token für Liquidität und Staking benötigen. Dies erhöht jedoch auch das Risiko durch die Abhängigkeit vom Token-Kurs.

BeInCrypto: Ab welchem Wert wird der PPI riskant?

Aleksandr Vat: Unter etwa 20 % ist es normal. Bei mehr als 40 % bis 50 % wird das System instabil und anfällig für Reflex-Kollaps-Dynamiken.

BeInCrypto: Können Sie Beispiele aus der Praxis für hohes PPI-Risiko nennen?

Aleksandr Vat: UST-LUNA ist ein extremes Beispiel. Das System war nahezu vollständig durch den eigenen Token gedeckt, was zu einem sogenannten Death Spiral führte.

Ein weiteres Beispiel ist FTX. Bereits eine Exposure von etwa 40 % in FTT war ausreichend, um unter Druck zum Zusammenbruch zu führen. Dies zeigt, dass ein hoher PPI nicht extrem sein muss, um gefährlich zu werden.

ETH bleibt wichtig, aber nicht mehr die gesamte Geschichte

BeInCrypto: Steht ETH weiterhin im Mittelpunkt der Wirtschaft von Ethereum?

Aleksandr Vat: ETH bleibt wichtig, jedoch ist es nicht mehr der dominierende Wertspeicher in großen Portfolios. Nur etwa 34 % des Kapitals großer Halter sind in ETH investiert. Die restlichen 66 % befinden sich in anderen Token.

BeInCrypto: Was hat Sie bezüglich der Entwicklung der Adressen am meisten überrascht?

Aleksandr Vat: Der Generationswechsel. Die meisten großen Adressen in der aggregierten Rangliste sind deutlich neuer, was darauf hindeutet, dass Kapital zunehmend über DeFi und Token einfließt.

Im ETH-Top-Ranking sind etwa ein Drittel der Wallets älter als fünf Jahre. In der aggregierten Rangliste sind fast 60 % jünger als zwei Jahre.

Aggregierte Adressen sind zudem rund 25 % aktiver. Sie zeigen größere Veränderungen bei den Beständen und eine höhere Volatilität, da sie echte Liquiditätsflüsse widerspiegeln, anstatt passiv ETH zu halten.

Umgang mit gefälschten Token-Beständen

BeInCrypto: Wie gehen Sie mit gefälschten oder künstlich aufgeblähten Token-Beständen um?

Aleksandr Vat: Wir verwenden Liquiditätsfilter. Das bedeutet, dass wir Bestände ausschließen, die nicht realistisch verkauft werden könnten, ohne den Markt zu beeinflussen.

Ohne diese Filterung könnten Token mit niedriger Liquidität die Ranglisten künstlich aufblähen und die tatsächliche Marktmacht falsch darstellen. In der Kryptowelt ist es relativ einfach, einen Token zu erstellen, ihm durch schwachen Handel einen Preis zuzuweisen und große Bestände vorzutäuschen.

Um dies zu verhindern, wenden wir verschiedene Prüfungen an. Wir achten auf minimale Handelsaktivitäten, sowohl aktuell als auch historisch. Zudem überprüfen wir, ob die Marktkapitalisierung konsistent ist, und bewerten, ob ein Bestand im Markt realistisch verkauft werden könnte.

Die Logik dahinter ist einfach: Wenn Sie Ihre gesamte Position realistisch nicht innerhalb von etwa zwei Wochen verkaufen könnten, stellt dieser Bestand kein echtes liquides Kapital dar und sollte im Ranking nicht verzerren.

Das Problem mit dem Beacon Deposit Contract

BeInCrypto: Vor diesem Interview haben wir uns traditionelle Ethereum-Ranglisten von bekannten Plattformen angesehen. Eine Sache fiel sofort auf: Der Beacon Deposit Contract hält scheinbar fast 70 % des Ethereum-Netzwerks. Analysieren wir tatsächlich nur das Muster der übrigen 30 % des Marktes?

Aleksandr Vat: Genau das ist das Problem bei ETH-basierten Ranglisten. Sie zeigen ein verzerrtes Bild.

Der Beacon Contract ist kein echter Halter. Er fungiert als technisches Einzahlungsregister für das Staking. Das ETH dort wird nicht von einer einzelnen Einheit kontrolliert und kann auch nicht von dieser Adresse abgezogen werden.

Wenn dort also „70 % des Marktes“, also rund 83 Millionen ETH, angezeigt werden, spiegelt das weder echte Marktmacht noch Muster am Markt wider. Es handelt sich um eine technische Zahl.

In Wirklichkeit liegt das aktive Staking näher bei 39 Millionen ETH. In einer aggregierten Sicht, die auch handelbare Token und Stablecoins einbezieht, macht das aktive Staking nur etwas über 10 % des gesamten Kapitals im Ökosystem aus.

Wir analysieren also nicht nur 30 % des Marktes. Rund 10 % sind im Staking gebunden. Die übrigen 90 % bilden den Teil, in dem der Markt tatsächlich aktiv ist, Kapital bewegt, handelt und im Ökosystem verteilt wird.

Entwicklung der Rangliste

BeInCrypto: Wie lange hat es gedauert, diese Rangliste zu entwickeln?

Aleksandr Vat: Es gibt keine feste Zeitspanne, da dies kein eigenständiges Projekt war. Ethplorer verarbeitet seit Jahren Token-Daten, konzentriert sich auf die Bewertung in USD und filtert minderwertige Vermögenswerte heraus.

Irgendwann erreichte die Datenqualität und -abdeckung ein Niveau, das eine vollständige, aggregierte Rangliste ermöglichte. Ab diesem Zeitpunkt haben wir daraus ein strukturiertes Produkt entwickelt.

BeInCrypto: Was war am schwierigsten?

Aleksandr Vat: Die Daten zu bereinigen, insbesondere Spam-Token, Preisinconsistenzen und die Zusammenführung der Einheiten.

BeInCrypto: Welches Feedback haben Sie von der Community erhalten?

Aleksandr Vat: Großes Interesse und rege Diskussionen, insbesondere weil die Rangliste verbreitete Annahmen über Ethereum in Frage stellt.

BeInCrypto: Haben Sie darüber mit Branchenvertretern auf der Paris Blockchain Week gesprochen?

Aleksandr Vat: Ja, die Reaktionen waren unterschiedlich, von Neugier bis Skepsis. Das ist normal, wenn man eine neue analytische Methode präsentiert.

Fazit

BeInCrypto: Was ist das wichtigste Ergebnis Ihrer Forschung?

Aleksandr Vat: Die Ethereum-Rich-List zeigt heute nicht mehr nur Wohlstand, sondern auch den Kapitalfluss und die Verteilung von Risiken.

BeInCrypto: Wie würden Sie die Veränderung in einem Satz zusammenfassen?

Aleksandr Vat: Früher beobachteten wir nur Kontostände, jetzt verstehen wir die Kapitalstruktur.

Bildquelle: ai-generated

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